AbbVie Ludwigshafen: Wenn sich Natur auf dem Werksgelände durchsetzt

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Wer Ludwigshafen hört, denkt im ersten Moment wahrscheinlich an Beton, Industrie und Helmut Kohl. Begriffe wie Biodiversität, Wildbienen oder Naturschutz hingegen werden nicht allzu oft mit der Stadt am Rhein assoziiert. Völlig zu Unrecht, wie die Auswertungen des Insector-Monitoringsystems auf dem Werksgelände von AbbVie beweisen. Denn obwohl Ludwigshafen die am stärksten versiegelte Stadt Deutschlands ist, wurden hier im regionalen Vergleich die meisten gefährdeten Wildbienenarten beobachtet. Knapp ein Viertel der beobachteten Wildbienen auf dem Standort von AbbVie stehen auf der Roten Liste. Sie sind der lebende Beweis, dass sich Biodiversität auch in einer „Betonwüste“ durchsetzen kann.

Die Herausforderung: Biodiversität am Industriestandort Ludwigshafen fördern und messen

Am AbbVie-Standort in Ludwigshafen erforscht und produziert das BioPharma-Unternehmen neue Medikamente, um die Welt gesünder zu machen. Dabei umfasst der Gesundheitsbegriff bei AbbVie nicht nur den Menschen, sondern auch den Planeten, weshalb seit einigen Jahren am Standort Ludwigshafen Naturschutzmaßnahmen umgesetzt werden. Hierzu gehören Wildblumenwiesen, Nisthilfen für Wildbienen und die naturnahe Gestaltung von Grünflächen.

Allerdings ist der Platz für solche Biodiversitäts-Maßnahmen begrenzt, da der AbbVie-Standort kein Naturschutzgebiet ist, sondern in erster Linie ein Werksgelände mit Logistik, Lager und Laboren. In solchen Industriesettings ist es im Biodiversitätskontext also wichtig, auf kleinen Flächen den größtmöglichen Nutzen für Tiere, Pflanzen und Pilze zu schaffen. Forschende sind sich einig, dass qualitativ hochwertige und miteinander verbundene „Trittstein-Habitate“ sehr effektiv sind, um Biodiversität in solchen industriell geprägten Landschaften zu fördern. Um das volle Potenzial solcher Trittstein-Habitate auszuschöpfen, sollten Nahrungs- und Nistplatzangebote auf die vor Ort vorkommenden Tierarten abgestimmt werden.

Bei AbbVie war es 2025 an der Zeit, zu überprüfen, ob die bereits umgesetzten Naturschutzmaßnahmen tatsächlich den gewünschten „Trittstein“-Effekt auf die Biodiversität haben. Hierfür wurde gemeinsam mit Bee friendly ein Insector auf dem Werksgelände in Ludwigshafen installiert. Der Insector ist ein kamerabasiertes, automatisiertes Insekten-Monitoringsystem, das Insekten erfasst, identifiziert und die erfassten Daten kontinuierlich auswertet. Da Insekten sehr sensibel auf Veränderungen ihres Lebensraums reagieren, eignen sie sich besonders gut als Bioindikatoren, also als „Zeigertiere“ für den Zustand eines Ökosystems.

Sandige Ruderalfläche am Gleisbett statt Blütenmeer?

Das Insector-Monitoring bei AbbVie lief vom 3. Juli bis zum 30. Oktober 2025. Der Standort lässt sich als Ruderalfläche beschreiben und in der Nähe befinden sich mehrjährige Wildblumenwiesen und Bienenhotels. Insgesamt wurden 446 Insekten gezählt, die 45 Arten zugeordnet wurden. Im regionalen Vergleich schneidet AbbVie mit einer sehr hohen Abundanz und sehr hohen Diversität sehr gut ab!

 

Über den Monitoring-Zeitraum hinweg war die Diversität, gemessen an der effektiven Anzahl von Insekten, verhältnismäßig hoch. Die effektive Anzahl von Insektenarten gibt an, wie viele gleich häufig vorkommende Arten der beobachteten Diversität entsprechen. Höhere Werte bedeuten eine gleichmäßigere Verteilung der Arten. Der Rückgang der Diversität im Spätsommer und Herbst ist ein typisches saisonales Muster, da der Lebenszyklus vieler Arten zu dieser Jahreszeit endet.

Ein Blick auf das Artenspektrum der beobachteten Wildbienen verrät, dass die umgesetzten Naturschutzmaßnahmen funktionieren und viele Wildbienenarten sich hier angesiedelt haben:

Besonders erfreulich ist ein Blick auf den Gefährdungsstatus der getrackten Wildbienen: 21,1 % der beobachteten Insektenarten stehen auf der Roten Liste! Ein so hoher Anteil gefährdeter Arten zeigt, wie wertvoll der Lebensraum auf dem AbbVie Werksgelände ist.

Drei Arten stechen besonders hervor, da sich an ihnen sehr konkret ablesen lässt, was am Standort bereits funktioniert und welche Maßnahmen optimiert werden könnten.

Die Wegwarten-Hosenbiene: Spezialistin für Sand, Sonne und Korbblütler

Eine besondere Besucherin war die Wegwarten-Hosenbiene (Dasypoda hirtipes), die auf der Vorwarnliste der Roten Liste steht. Die Weibchen tragen an den Hinterbeinen auffällige „Pollenhosen“. Sie nistet in vegetationsarmen, sandigen bis kiesigen Bodenstellen – häufig genau dort, wo Flächen lückig sind, etwa an Bahndämmen oder sandigen Ruderalstellen. Ihre Nester baut die Wegwarten-Hosenbiene tief in die Erde. Von ihrem senkrechten, 60 cm langen Hauptgang gehen zahlreiche Brutzellen in verschiedene Richtungen ab. In die Zellen wird ein Ballen aus Nektar gelegt, auf den ein Ei platziert wird. Anschließend wird die Brutzelle mit Erde verschlossen.

Für die Förderung heißt das am AbbVie-Standort: Die Nähe zum Gleisbett ist kein Makel, sondern ein Standortvorteil, solange offene, gut drainierte Bodenfenster erhalten bleiben und nicht „aus Versehen“ zuwachsen oder mit Rindenmulch zugedeckt werden. Und weil die Art über den Sommer verlässlich Pollen braucht, lohnt sich ein besonders stabiles Angebot an Korbblütlern in gestaffelter Blüte – also nicht nur eine kurze Wildblumen-Spitze, sondern ein durchgängiges Blütenangebot von Juni bis Spätsommer.

Die Rainfarn-Herbstsandbiene: Bitte nicht zu früh mähen!

Die Rainfarn-Herbstsandbiene (Andrena denticulata) ist eine eher unscheinbare kleine Biene. Sie steht ebenfalls auf der Vorwarnliste und ist ziemlich selten. Auf dem Rücken ihres schwarzen Körpers hat sie kurze schwarze und helle Haare sowie auf dem Hinterleib durchgehend weißliche Binden. Ihr Kopf ist hell behaart.

Sie legt selbstgegrabene Erdnester an, bevorzugt sandige (auch lehmige) Böden und fliegt als typische Spätsommerart von (Mitte) Juli bis Mitte September. Ihr Nestproviant ist spezialisiert auf Korbblütler wie Disteln, Flockenblumen, Herbstlöwenzahn, Rainfarn oder Wegwarte.

Um die Rainfarn-Herbstsandbiene auf dem AbbVie-Standort zu fördern, wäre eine Maßnahme, Mäharbeiten erst nach der Flugzeit vorzunehmen, da ansonsten das Nahrungsangebot für diese seltene Wildbienenart wegbricht. Für AbbVie ist das eine gute Nachricht, weil es eine vergleichsweise leicht steuerbare Stellschraube ist: abschnittsweise Pflege statt Komplettschnitt – und ein bewusst stehen gelassener, blütenreicher Saum bis in den September.

Die Heidehummel: seltene Besucherin, die Struktur statt Perfektion braucht

Die Heidehummel (Bombus jonellus) gilt in Deutschland als gefährdet. Ab Ende März legt die Königin den Nistplatz an. Dieser ist bevorzugt oberirdisch z.B. in alten Vogelnestern, aber auch unterirdisch z.B. unter Moospolstern oder in Mäusenestern. Die Völker der Heidehummel bleiben eher klein, allerdings kann es in warmen, trockenen Jahren zu einer zweiten Generation kommen.

Die Heidehummel nutzt sehr unterschiedliche Lebensräume, typischerweise offene Landschaften wie Moore sowie Sand- und Bergheiden, und sie ist nicht auf eine einzige Pflanzenfamilie festgelegt. Was sie aber braucht, ist Struktur: Bereiche, die nicht „glatt gepflegt“ sind, sondern Deckung, Nistmöglichkeiten und über die Saison hinweg Blüten in unterschiedlichen Höhen und Formen bieten.

Für ein Werksgelände lässt sich das erstaunlich pragmatisch umsetzen: Ein paar bewusst rau belassene Ecken mit Altgras, Moospolstern oder strukturreichen Säumen – kombiniert mit einem verlässlichen Blühangebot vom Frühjahr bis in den Spätsommer – können bereits den Unterschied machen. Und weil diese Hummel auch in langen, warmen Sommern zwei Generationen hervorbringen kann, lohnt sich ein durchgängiges Blühangebot bis in den Herbst.

Lessons learned: „Betonwüsten“ sind keine verlorenen Räume

Obgleich Ludwigshafen immer wieder Negativschlagzeilen macht als die am stärksten versiegelte Stadt Deutschlands, zeigt der Insector, dass sich Biodiversität in der „Betonwüste“ durchsetzen kann. Dank dem Engagement von AbbVie-Mitarbeitenden, die sich für insektenfreundliche Pflanzungen auf dem Werksgelände einsetzen, ist Ludwigshafen um viele besonders wertvolle Insektenarten bereichert worden. Das Fallbeispiel bei AbbVie zeigt, dass mit verhältnismäßig kostengünstigen Naturschutzmaßnahmen, wie Wildblumenwiesen und offene sandigen Stellen, ein unbezahlbarer Mehrwert für das Ökosystem geschaffen wird. Jetzt gilt es bei AbbVie die bestehenden Insektenpopulationen zu stabilisieren, indem Pflanzungen, Pflege und Nistplätze angepasst werden.

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