Insektensterben: Wer bestäubt dann unsere Pflanzen?

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Erinnerst Du dich, als Du damals mit Mama, Papa und deinen Geschwistern in den Familienurlaub gefahren bist? An jedem Tankstopp musste Papa die fiese Aufgabe übernehmen und die Windschutzscheibe putzen, da von außen hunderte – wenn nicht tausende – zerschmetterte Insektenkadaver am Fenster klebten. Nachdem das Fenster wieder schön sauber war und die Reise weitergehen konnte, dauerte es auch nie lange, bis die nächsten Mucken mit einem dumpfen „Plopp“ an der Scheibe platzten. Kinder der 90er-Jahre sind vielleicht die letzte Generation, die dieses Phänomen hautnah miterleben konnten…

Heutzutage bleibt uns das Fensterputzen erspart und wir können mit guter Sicht von Stuttgart bis nach Berlin fahren, ohne auch nur einmal die Windschutzscheibe putzen zu müssen. Was zunächst nach einer entspannten Autofahrt klingt – denn wer putzt schon gerne Insektenkadaver von Fenstern? – ist allerdings eine zutiefst beunruhigende Entwicklung: Innerhalb weniger Jahrzehnte ist die Zahl der Insekten drastisch gesunken.

Insektensterben: Viele Ursachen und drastische Folgen

Name Insektensterben
Problem 75 prozentiger Rückgang von Insekten in Deutschland
Ursachen Intensive Landwirtschaft, Versieglung von Flächen, Klimawandel
Folgen „Bestäubungskrise“, Löcher in der Nahrungskette, schrumpfende Biodiversität
Lösung Nahrungsangebot erweitern, Lebensraum schaffen

Das sogenannte Insektensterben (oder: Insektenrückgang) hat viele Ursachen – und drastische Folgen. Insekten bilden das Fundament unserer Natur und ohne Bienen, Schmetterlinge und Co. wären wir ganz schön aufgeschmissen: Wer bestäubt dann all unsere Pflanzen, die uns mit Essen versorgen? Wovon ernähren sich Vögel, Fische und andere Tiere, wenn es keine Insekten mehr gibt? Und wer zersetzt das Hundehäufchen am Straßenrand, wenn es keine Fliegen mehr gibt? Insekten erledigen die banalsten Aufgaben, die unser Ökosystem in Balance halten und unser Leben auf der Erde lebenswert machen. Und trotzdem sind sie massiv vom Aussterben bedroht.

Im Agrar-Report von 2017 beschrieb das Bundesamt für Naturschutz die Problematik wie folgt:

  • Die Insektenbiomasse ist deutlich rückläufig
  • Auch Naturschutzgebiete sind betroffen (80 prozentiger Rückgang)
  • Vögel, Fledermäuse, Kleinsäuger sind bedroht
  • 41 Prozent der Wildbienenarten sind bestandsgefährdet

Das Bundesamt für Naturschutz erforschte aber auch die Gründe für den Rückgang von Insekten in Deutschland und ermittelte folgende Ursachen:

  • Strukturverarmung in der Landwirtschaft
  • Großflächiger Einsatz von Pflanzenschutzmitteln
  • Einsatz von Saatgutbeize (Neonicotinoide)
  • Einengung der Feldfruchtfolge
  • Wegfall von Randstrukturen und Blühstreifen
  • Nährstoffüberangebot in den Böden

Insektensterben in Deutschland: 40 Prozent weniger Insektenarten

Insekten sind die artenreichste Tierklasse auf unserer Erde. Denk an all die kleinen Käfer, Bienen, Schmetterlinge, Hummeln oder Falter. Ob an Land, im Wasser oder in der Luft: Insekten sind einfach überall. Sie zersetzen Laub, sind Nahrung für andere Tiere und bestäuben Blüten. Und trotzdem lassen wir Menschen es zu, dass es zu einem massiven Rückgang von Insekten gekommen ist. Das Bundesamt für Naturschutz sagt, dass es langfristig 40 Prozent weniger Insektenarten in Deutschland geben wird. Doch nicht nur die Anzahl an verschiedenen Arten ist vom Insektensterben betroffen.

Auch die Gesamtanzahl an Insekten ist drastisch gesunken: Eine berühmte Studie des Entomologischen Vereins Krefeld untersuchte über einen Zeitraum von 30 Jahren, wie sich der Insektenbestand hierzulande veränderte. In mehreren Naturschutzgebieten in Nordrhein-Westfalen stellten die ehrenamtlichen Mitarbeiter sogenannte Malaise-Fallen auf. Diese Fallen sehen aus wie kleine Zelte und Insekten, die sich darin verirren, fallen in ein Gefäß mit hochprozentigem Alkohol und werden dort konserviert. Nach einem Jahr kommen die Forscher zurück und können dann sehen, wie viele verschiedene Insektenarten in diesem Gebiet leben; aber sie können auch die gesamte Biomasse an Insekten bestimmen.

Im Jahr 1989 verirrten sich insgesamt 1,4 Kilogramm Insekten in die Fallen der Krefelder-Forschenden – 23 Jahre später waren es nur noch 300 Gramm! Die „Krefelder Studie“ bestätigte das, was viele schon lange vermuteten: Insektensterben ist längst Realität. Selbst die Fachwelt war von den Ergebnissen schockiert, denn die wenigsten Forschenden hatten einen fast 75 prozentigen Rückgang von Insekten antizipiert.

Insekten: Die artenreichste Tierklasse auf der Welt

Falter, Bienen, Käfer, Fliegen, Wanzen und Libellen gehören zu den Insekten und allein in Deutschland gibt es über 30.000 heimische Insektenarten! Weltweit sind es knapp eine Million Insektenarten, die bisher wissenschaftlich erfasst wurden. Über 60 Prozent aller Tierarten auf der Welt sind damit Insekten! Ganz schön imposant. Da Insekten so klein und vielfältig sind, gehen Forschende allerdings davon aus, dass noch viel, viel mehr Insekten auf unserer Erde leben. Weltweit sind 40 Prozent der bestäubenden Insekten vom Aussterben bedroht oder wurden sogar schon ausgerottet. Auch bei uns in Deutschland sind schon einige Arten sehr selten geworden, wie die Grüne Flussjungfer (eine Libellenart), der Große Eichenbock (eine Käferart) oder der Wiesenknopf Ameisenbläuling (eine Schmetterlingsart).

Von den knapp 30.000 Insektenarten in Deutschland sind etwa 560 Wildbienenarten. Je nach Bundesland stehen zwischen 30 und 70 Prozent von ihnen auf der Roten Liste und sind somit vom Aussterben bedroht. Und das, obwohl sie durch das Gesetz ganz besonders geschützt werden: Nach § 39 des Bundesnaturschutzgesetzes stehen nämlich alle Wildbienenarten unter Naturschutz!

Ursachen für das Insektensterben: Die moderne Landwirtschaft zerstört Lebensraum

Das Insektensterben hat viele Gründe und mehr als nur einen Sündenbock. Auch wenn es Verschwörungstheoretiker gibt, die behaupten, dass Windräder oder Handystrahlung schuld am Insektensterben sind, deuten seriöse wissenschaftliche Studien auf andere Verursacher. Ganz vorne mit dabei ist die intensive Landwirtschaft. Monokulturen, Überdüngung und der Einsatz von Pestiziden wirken sich gleich zweifach auf das Insektensterben aus: Zum einen werden wichtige Nahrungsquellen und Lebensraum zerstört; zum anderen töten giftige Chemikalien die Insekten.

Beim Düngen von Ackerflächen benutzen viele Landwirte stickstoffhaltigen Dünger und kippen diesen großzügig auf ihre Felder. Nachdem der Dünger im Boden versickert, gelangt er ins Grundwasser und verteilt sich auf die gesamte Umgebung. Viele Wildblumen – also die Nahrungsquellen von Bienen und Insekten – vertragen diesen überschüssigen Stickstoff aus dem Dünger nicht: Sie verwelken und können nicht mehr in der Umgebung wachsen. Die Nutzung von Monokulturen bringt zusätzliche Probleme mit sich: Statt vielen unterschiedlichen Pflanzen, kultivieren Landwirte nur noch eine Art. Viele Insekten sind aber Spezialisten und können nicht von dem Nektar dieser Pflanzen leben und sterben in diesen Regionen aus.

Insektizide, Herbizide, Pestizide: Gift für Bienen?

Doch die Bienen und Insekten werden nicht nur passiv und durch Nahrungsmangel verdrängt. Forschende sind sich einig, dass der Einsatz von Pestiziden das Insektensterben maßgeblich vorantreibt. Doch was sind Pestizide eigentlich? Pestizide ist der Oberbegriff für alle Pflanzenschutzmittel. Da gibt es Mittel gegen Schädlinge, wie Milben und Läuse (Insektizide); Mittel gegen „Unkraut“ (Herbizide); und Mittel gegen Schimmel (Fungizide). Allerdings werden bei dem Einsatz von Pestiziden nicht nur Schädlinge bekämpft und getötet, sondern es gibt auch hohen Kollateralschaden: Bienen, Hummeln, Schmetterlinge und tausende andere Insekten sterben oder werden geschädigt.

Eine Art von Insektizid ist dabei besonders gefährlich für Bienen: Neonicotinoide. Dieses künstlich hergestellte Insektizid bindet an die Rezeptoren der Nervenzellen, wo es die Weiterleitung von Nervenreizen stört. Für uns Menschen und für Wirbeltiere ist das nicht so dramatisch. Aber für Insekten haben Neonicotinoide fatale Folgen. Auch der deutsche Naturschutzbund befasst sich immer wieder mit dem Problem-Insektizid und sagt: „Verschiedene Studien legen nahe, dass Neonicotinoide nicht nur auf sogenannte Pflanzenschädlinge, sondern auch auf Tagfalter und vor allem Bienen Auswirkungen haben.“ Des Weiteren fand ein britisches Team von Forschenden heraus, dass Bienen Pflanzen, die mit Neonicotinoide behandelt wurden, nicht vermeiden, sondern diese sogar gezielt ansteuern. Durch den Kontakt mit den Pflanzen vermehren sich weniger Bienen und es kommt zum Insektenrückgang.

Versieglung von Flächen: Beton und Steinwüsten statt farbiger Blütenpracht

Nicht nur die Landwirtschaft trägt zum Insektensterben bei. Auch die zunehmende Verstädterung und die damit verbundene Versieglung von Flächen schadet den Wildbienen und Insekten. Wo einst wilde Blumenwiesen standen und Wildbienen ein Refugium boten, werden Straßen, Häuser, Steingärten gebaut.

Viele (Vor-)Gärten in Städten und Dörfern beherbergen zwar viele Blumen und sind gut gemeint; allerdings werden oftmals Pflanzen gepflanzt, die in Europa nicht heimisch sind (Neophyten) und diese schmecken unseren heimischen Wildbienen leider nicht. Oftmals werden auch nur "schöne" Blumen, wie Geranien oder Kulturrosen, gepflanzt, die sehr wenig Nektar und Pollen ausbilden. Vielmehr freuen sich Wildbienen und Insekten über artenreiche Blumenwiesen, wo sie die volle Bandbreite an heimischen Blumen haben.

Insektensterben verhindern: Bienenwiesen für Wildbienen anlegen

Erstaunlicherweise ist es momentan so, dass es in vielen Stadtgebieten eine höhere Wildbienendichte gibt als im ländlichen Umland. So wurden im Stadtgebiet von Berlin 261 Wildbienenarten nachgewiesen und in Stuttgart 258. Damit leben je nach Region zwischen 50 und 90 Prozent der Wildbienenarten in Städten! Es gibt viele Gründe hierfür, doch der wichtigste ist, dass es in Städten ein größeres Nahrungsangebot gibt als auf dem Land. Statt endlosen Raps- und Maisplantagen, wie auf dem Land, gibt es in den Städten mittlerweile mehr Wildblumen in den Gärten, Parks und Grünstreifen. Es herrscht eine regelrechte Stadtflucht der Wildbienen, die vor bedrohlichen Pestiziden und mangelnder Nahrung auf dem Land entfliehen. Obwohl noch viele Menschen ein Leben auf dem Land mit Natur assoziieren, ist die Biodiversität und die Artenvielfalt in vielen Städten größer.

Grundsätzlich wird sich das Insektensterben nur verhindern lassen, wenn es zu großen Veränderungen in der Landwirtschaft kommt. Der Verzicht auf Pestizide, weniger Düngung und eine Umstrukturierung der Landschaft mit Blühstreifen, Hecken und mehr Lebensräumen für wilde Tiere und Pflanzen. Doch auch Du kannst noch heute etwas für die Wildbienen tun! Pflanze heimische, bienenfreundliche Pflanzen in Deinen Garten, in einen Blumenkasten oder auf freien Flächen in Deiner Stadt.

So verhinderst Du das Insektensterben

Hierbei solltest Du folgendes beachten: Bitte verzichte grundsätzlich auf alle Pestizide und andere Chemikalien! Denn Wildbienen und andere Insekten werden von vielen Mitteln stark geschädigt und können sogar sterben. Außerdem solltest Du bei der Auswahl an Pflanzen einige Dinge beachten. Die Pflanzen solltest Du nicht nur aus optischen Gründen auswählen, sondern vielmehr, ob sie viel Nahrung für Wildbienen zur Verfügung stellen. Immerhin sollte eine Bienenwiese für die Bienen und nicht für Dich sein! Ein weiterer wichtiger Punkt, den Du bedenken solltest, ist die Blütezeit der verschiedenen Blumen. Mit einem Blühkalender kannst Du eine kontinuierliche Blühphase gewährleisten. Letztlich ist es wichtig, dass die Wildbienen einen Platz zum Nisten haben. Selbstgebastelte Wildbienenhotels, aber auch Steine, Mauern oder Totholz sind gern gesehene „Schlafplätze“ für Wildbienen.

Mit der Bee friendly Bienensaat schaffst Du wertvolle Nahrungsquellen für Wildbienen. Sobald die Kräuter, Sommer- und Wildblumen zu blühen beginnen, fühlen sich die Wildbienen wie am All-You-Can-Eat-Buffet im Schlaraffenland. Ob am Balkonkasten im Büro oder auf dem Blumenbeet im Garten: Jede Blüte hat das Potenzial eine Wildbiene zu nähren und das Insektensterben aufzuhalten.

(mw)

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