Honiggelb: Die Biene in der Kunst - eine Rezension zum Ausstellungskatalog des Museum Wiesbaden
Janina Waschik 0
Kaum ein Tier ist mit so vielseitigen, zuweilen widersprüchlichen Symboldeutungen belegt wie die Honigbiene. Die Sinnbilder reichen von fleißig, nützlich, reinlich, keusch und fromm, tugendhaft, weise, gehorsam und gemeinwohlorientiert zu wehrhaft und aggressiv. Als betrachte sich die Biene durch ihre Facettenaugen selbst im Spiegel, werden im Bildband „Honiggelb – Die Biene in der Kunst“ ihre vielseitigen, kulturell-künstlerischen Darstellungen beleuchtet. Das Begleitbuch zur gleichnamigen Sonderausstellung (07.03.2025-22.06.2025) des Museums Wiesbaden erschien 2025 im Hirmer Verlag. Die Beiträge des Buches sind ebenso vielseitig, wie die pluralen Zuschreibungen der Biene. In fünf Essays wird ein Bild der Honigbiene gezeichnet, welches sowohl aus populärwissenschaftlicher, antiker, christlicher als auch künstlerischer Perspektive Betrachtung findet – überraschende Fakten inklusive.
Honiggelb: Die Biene in der Kunst - eine Rezension
Ein kurzer Flug über die Essays
Dass die Honigbiene (K)ein Fabelwesen ist, zeigt Bienenforscher Jürgen Tautz. Er klärt drängende Mythen auf, etwa ob Honigbienen die Welt der Blumen erschaffen haben, ob sie Säugetiere sind oder ob sie die Menschen ernähren. Die faszinierende Welt der kleinen Insekten eröffnet sich, die auch uns Menschen noch einiges lehren kann. Dominik Berrens nimmt uns mit in die Antike und erklärt, welch fälschliche Annahmen über die Honigbiene von großen antiken Historikern zu amüsanten Kaiservergleichen geführten haben (Kaiser Nero, der Bienenkönig?). Diese Annahmen finden sich im Christentum wieder und Stephan Goertz gibt interessante Einblicke in die Bedeutung der Natur in der theologischen Geschichte. Ulrich Pfisterer stellt uns den Bienenmann Antonio Averlino, sein künstlerisches Schaffen und seine persönliche Beziehung zur Honigbiene vor. Wer Honigbiene hört, denkt automatisch auch an all ihre Produkte. Wie diese in der Kunst verwendet werden, veranschaulicht Veronika Epple und rundet damit unseren Flug über die Essays ab.
An die Essays schließt sich der Katalog passend zu den einzelnen Essays mit Abbildungen von eindrucksvollen Kunstwerken der frühen Neuzeit, über das 19. Jahrhundert bis in die Moderne und Gegenwart an. Die Fotografien der einzelnen Werke werden von Erklärungen begleitet und geben einen tieferen Einblick in künstlerische Darstellung der Biene. Ein Besuch im Museum für Zuhause.
Die Honigbiene in der Kunst
Zwischen Natur und Kultur lässt sich eine wechselseitige Beziehung beobachten. So erscheint Natur als das vom Menschen unbeeinflusste Umfeld und Kultur als das durch menschliche Hand geformte. Die Honigbiene zeigt sich in der Kunst als Vermittlerin zwischen den Welten. Eng mit dem Insekt verbunden ist dabei stets der Honig. Anhand unterschiedlicher antiker Quellen, wie Statuen, Vasen sowie Schriften über Landwirtschaft zeigt sich der wirtschaftliche und symbolische Wert des Honigs und seiner Produzentin. Ihre Bildung von Staaten wurde von antiken Schriftgelehrten gelobt und diente als Vorbild für den Menschen. Auf diese politische Bedeutung lassen auch Prägungen auf antiken Münzen schließen. Gleichzeitig erschien die Honigbiene geheimnisumwoben, stellte sich doch die Frage, welche Funktionen die einzelnen Individuen im Bienenstaat erfüllen und wie sie sich vermehren. Bereits Aristoteles sinnierte über die Fortpflanzung der Honigbiene. Und seine Erklärung hieß Bugonie, also die Annahme, Bienenvölker entwickelten sich asexuell aus toten Rinderkadavern. Dies bescherte der Biene einen keuschen, frommen Ruf. In christlichen Sagen diente sie als Lob für Jungfräulichkeit. Doch mit modernen Erkenntnissen über die Lebensweise der Honigbiene verschwanden auch jegliche Bienensymbole aus Messbüchern und christlichen Erzählungen. Was jedoch stets bleibt, sind die Nebenerzeugnisse der Honigbiene: Honig, Wachs und Pollen. In Kunstwerken entfaltet sie ihre ganze Symbolkraft und werden zur Metapher der sozialen Transformation und Energie. Die durchaus zu kritisierende Verwendung der Honigbiene in einer Statue, deren Kopf mit Bienenwaben ummantelt wurde, lässt sich als Unzähmbarkeit der Natur interpretieren. Auch in aktuellen Ausstellungen wird die Vielseitigkeit der Honigbiene erkennbar.
Die einzelnen Essays bauen sinnvoll aufeinander auf und es gelingt ein leichter Einstieg in das Thema. Informationen aus den ersten Essays finden sich auch später wieder, zum Beispiel wird die Bugonie sowohl im Kapitel „Die Biene in der antiken Welt“ als auch bei „Sinnbild und Vorbild. Die Biene in der christlichen Vorstellungswelt“ erwähnt. Somit finden selbst Kunstlaien in das Thema hinein und werden abgeholt. Auch wenn das Kapitel über den Bienenmann eher trocken erzählt ist, helfen die eindrucksvollen Abbildungen darüber hinweg. Einen Kritikpunkt möchte ich nicht unerwähnt lassen: So schreibt Jürgen Tautz, dass Honigbienen circa 85% aller von Insekten bestäubten Blüten bestäuben und sie somit die wirkungsvollsten Bestäuber seien. Dabei weisen Untersuchungen nach, dass Wildbienen häufig die effizienteren Bestäuberinnen sind. Gerade in Anbetracht der Tatsache, dass Honigbienen, im Gegensatz zu einigen Wildbienenarten, nicht gefährdet sind, wäre eine andere Einordnung wichtig gewesen. So bleibt der Gedanke, es müssten am ehesten Honigbienen zur Sicherung der Pflanzenbestäubung geschützt werden.
Ein Buch, so süß wie Honig?
Der Kauf des Buches empfiehlt sich für Besucher:innen der dazugehörigen Ausstellung in Wiesbaden, Bieneninteressierten und Personen, die die Verbindung von Natur und Kultur spannend finden. Die enge Beziehung zwischen Mensch und Honigbiene, ihre symbolische Bedeutung sowie überraschende historische wie moderne Fakten durchziehen das Buch und machen es für Bienen- und Kulturinteressierte lesenswert. Anschaulich führen die Essays durch verschiedene kulturelle Epochen. Durch die Expertise der Autor:innen werden spannende Einblicke in die unterschiedlichen Betrachtungsweisen auf die Honigbiene gewonnen, welche durch die Abbildungen der Kunstwerke illustriert werden. Ein Bildband, der langweilige Stunden mit Gelée Royal füllt.
Bleibt nur noch die Frage offen, wann Wildbienen Kunst und Kultur erobern!
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