Wie der Tiny Forest des MIYA forest e.V. in Eberswalde die Biodiversität im urbanen Raum maßgeblich beeinflusst
Janina Waschik 0
Der Aufenthalt in der Natur wirkt sich nachhaltig positiv auf uns Menschen aus. Wir fühlen uns erholter, ausgeglichener und gesünder. Doch wie können wir Natur in unsere Städte bringen? MIYA forest e.V. liefert dafür eine Lösung: Sie pflanzen mit Unterstützung von Freiwilligen, Schulklassen oder Studierenden Tiny Forests, um auf diese Weise Städte und Regionen nachhaltiger zu machen und die Verbindung zwischen Mensch und Natur zu stärken.
Ein Tiny Forest ist quasi ein Mini-Wald. Im urbanen Raum wird auf kleiner Fläche ein dichter, mehrschichtiger Wald gepflanzt, der Lebensraum für Insekten, Vögel, Bodenlebewesen und Menschen bietet. Neben unmittelbaren Naturerlebnissen wirken Tiny Forests auch langfristig und bringen einige Vorteile, wie etwa die Verbesserung des Bodens, wenig Pflegeaufwand, die Ansiedlung heimischer Arten und auch eine schnelle Entwicklung von resilienten Ökosystemen. Mit der Pflanzung eines Tiny Forest wird somit nicht nur der Versiegelung von Städten entgegengewirkt, sondern auch ein aktiver Beitrag zur Förderung von Biodiversität geleistet.
Die Herausforderung: Welchen Effekt hat der Tiny Forest auf die Biodiversität im Vergleich zu einer herkömmlichen Rasenfläche?
Der Tiny Forest in Eberswald wurde vom MIYA forest e.V. 2023 gepflanzt. Um seinen Effekt auf die Biodiversität anhand von Daten nachzuweisen, wurden 2025 in Eberswalde nicht nur ein, sondern sogar zwei Insectors für ein vergleichendes Insektenmonitoring aufgestellt: einer auf der Tiny Forest Fläche und einer auf einer nahegelegenen konventionellen Rasenfläche.
Der Insector ist ein kamerabasiertes, automatisiertes Insekten-Monitoringsystem, das Insekten erfasst, identifiziert und die erfassten Daten kontinuierlich auswertet. Da Insekten sehr sensibel auf Veränderungen ihres Lebensraums reagieren, eignen sie sich besonders gut als Bioindikatoren, also als „Zeigertiere“ für den Zustand eines Ökosystems.
In Eberswalde war es Ziel, die Auswirkungen des Tiny Forests sowohl auf das Insektenreichtum als auch auf die -vielfalt zu untersuchen. Der Insector sollte also Informationen darüber liefern, wie der Tiny Forest das Vorkommen von Insekten beeinflusst. Spannend war dabei auch herauszufinden, wie es um die Rollen und Funktionen der Insekten auf den untersuchten Flächen steht, also die funktionelle Zusammensetzung.
Im Vergleich: Tiny Forest vs. Rasenfläche
Die Tiny Forest Fläche kann als strukturreich mit vielfältiger Bepflanzung beschrieben werden, während es sich bei der 100 Meter entfernten Rasenfläche um eine offene, konventionelle Fläche in eher belebter Umgebung handelt. Zwischen April und September 2025 wurden auf der Tiny Forest Fläche 235 Insekten sowie 36 verschiedene Arten getrackt, während es auf der Rasenfläche 179 Insekten sowie 35 verschiedene Arten waren. Dabei zeigte sich bei der Analyse der Daten, dass auf der Tiny Forest Fläche 31% mehr Insekten nachgewiesen wurden als auf der Rasenfläche. Das lässt die Schlussfolgerung zu, dass die Fläche des Tiny Forest mehr Lebensraum und bessere Bedingungen für Insekten bietet. Der Tiny Forest leistet damit einen wichtigen Beitrag zum Schutz und zur Förderung von Insekten.
Abundanz im Tiny Forest
Abundanz auf der Rasenfläche
Neben dem höheren Artenreichtum zeigen die Daten auch, dass die Anzahl an spezialisierten Arten im Tiny Forest höher war. Spezialisierte Insekten sind eher von Gefährdung betroffen, da sie besondere Ansprüche an ihre Umwelt haben. Der Tiny Forest leistet somit einen wertvollen Beitrag beim Schutz auch bedrohter Arten. Dies zeigt sich anhand der Daten auch im Vergleich zur Rasenfläche. Im Tiny Forest waren 18,9 % der Individuen stark gefährdete Arten, während es auf der Rasenfläche nur 3,0% waren.
Verteilung der Insekten nach Rote Liste Kategorien
Während Arten, die ausschließlich auf der Rasenfläche vorkommen, eher störungstolerante, offenlandgebundene Arten waren, wurden im Tiny Forest überwiegend habitatsabhängige Wildbienen wie die Deichhummel, die Heidehummel und die Gelbbindige Furchenbiene nachgewiesen. Solche Arten sind an strukturreiche, störungsarme Lebensräume mit vielfältigem Blüten- und Nistangebot gebunden und fehlen auf der konventionellen Rasenfläche weitgehend. Im urbanen Umfeld dient der Tiny Forest daher als Rückzugsort für Arten, die ansonsten wenig Überlebensmöglichkeiten haben. Somit wird eine eigenständige Insektengemeinschaft unterstützt, die wichtig für den Naturschutz ist.
Das hat der Insector auf der Rasenfläche getrackt
Auf der Rasenfläche wurden seltener Arten erfasst, die auf der Vorwarnliste der Roten Liste stehen oder als gefährdet eingestuft werden. Allerdings gibt es auch auf der Rasenfläche ungewöhnliche Besucherinnen, etwa die Wegwarten-Hosenbiene (Dasypoda hirtipes) und auch die Bunte Steppenbiene (Ceylalictus variegatus). Die Bunte Steppenbiene ist extrem selten und steht auf der Vorwarnliste der Roten Liste. Dass sie in Eberswalde erfasst wurde, ist daher eine positive Nachricht. Die kleine Wildbiene mit dem gelb-schwarzen Hinterleib und der metallisch-grün oder bläulich schimmernden Brust ist in Europa die einzige Steppenbienenart.
Von Juni bis August ist die Bunte Steppenbiene mit dem Bau von Nestern beschäftigt. Diese legt sie bevorzugt in flachen, sandigen Böden mit spärlichem Bewuchs an. Auch wenn sie weitestgehend solitär nistet, kommt es zu einer Ansammlung benachbarter Nester. Der Nesteingang ist an kleinen Hügeln erkennbar. Die erwachsenen Tiere der neuen Generation überwintern bis zum nächsten Jahr.
Um die Bunte Steppenbiene gezielt zu fördern, braucht es daher zum einen freie Flächen, auf denen sie nisten kann, und zum anderen ein passendes Nahrungsangebot. Als Generalistin ist die Bunte Steppenbiene leicht zufriedenzustellen. Korbblütler, Kreuzblütler und Zistrosen werden von ihr gerne als Nektar- und Pollenquelle genutzt. Mit einigen wenigen Maßnahmen könnte auf der untersuchten Rasenfläche schon einiges für diese seltene Wildbienen getan werden.
Das hat der Insector auf der Tiny Forest Fläche getrackt
Im Vergleich zur Rasenfläche beeindruckt der Tiny Forest nicht nur mit mehr erfassten Individuen, sondern auch mit einer höheren Anzahl an gefährdeten oder sogar vom Aussterben bedrohten Arten. Von den erfassten Insekten werden vom Rote Liste Zentrum 18,9% als „ stark gefährdet“ und 2,7% als „gefährdet“ eingestuft. So lösen besonders drei Arten Glücksgefühle bei Naturschützenden aus: die Heidehummel (Bombus jonellus), die als „gefährdet“ eingestuft wird sowie die Deichhummel (Bombus distinguendus) und auch hier die Bunte Steppenbiene (Ceylalictus variegatus), die beide als „stark gefährdet“ gelten. Das Vorkommen dieser Arten unterstreicht den Erfolg der laufenden Naturschutzmaßnahmen und zeigt, wie wichtig der Erhalt vielfältiger Lebensräume für den Schutz gefährdeter Bestäuber ist.
Deichhummeln sind vor allem in blütenreichem Grünland, auf Magerrasen, an Waldsäumen und bei Hochwasserdämmen und Küstenbereich zu finden. Insbesondere im Norden Deutschlands sind Deiche ein beliebter Lebensraum dieser Hummelart, was ihr ihren deutschen Namen gebracht hat. Sie ist eine relativ große Hummel mit einem langen Rüssel, der sich für tiefe Blüten eignet. Auf ihrem orangebraunen Oberkörper hat sie ein schwarzes Band sowie weißen Pelz am Hinterleib und helle Gesichtshaare.
Ihre Nester baut die Deichhummel meist unterirdisch etwa in verlassenen Mäuselöchern. Seltener sind Nester oberirdisch unter Gras. Nektar und Pollen sammelt sie zum Beispiel an Korbblütlern und Hülsenfrüchtlern. Als Generalistin ist sie jedoch nicht wählerisch und fliegt viele unterschiedliche Pflanzen an. Um die Deichhummel zu unterstützen, ist es wichtig, ihr während ihrer recht langen Flugzeit von Mai bis Oktober ein durchgehendes Nahrungsangebot bereitzustellen. Bei der Bepflanzung sollte daher auf die Blühzeiten geachtet werden.
Eine spannende Besucherin, die im Tiny Forest vom Insector getrackt wurde, ist die Gelbbindige Furchenbiene. Sie gilt als eine Gewinnerin des Klimawandels, da sie es warm liebt und sich vom Mittelmeerraum aus immer weiter in Deutschland verbreitet hat. War die Gelbbindige Furchenbiene vor circa 20 Jahren noch eher in Süd- und Mitteldeutschland anzufinden, ist sie heute auch im Norden der Bundesrepublik etabliert. Als Grund für ihre Verbreitung auch im eher kühlen Norden werden steigende Temperaturen und ein wärmer werdendes Klima genannt.
Die schwarz-gelbe Biene mit den ockergelben Haarbinden auf ihrem Hinterleib nistet solitär in selbstgegrabenen Gängen in der Erde. Sie bevorzugt offene, sandige Flächen, die nur schwach bewachsen und sonnig gelegen sind. Bei geeigneten Bedingungen werden Gelbbindige Furchenbienen auch mal Nachbarinnen und legen Nester dicht beieinander an. Diese Nestgemeinschaften werden Kolonien genannt. Trotzdem gilt die Gelbbindige Furchenbiene als eine Solitärbiene. Beim Nahrungsangebot ist die Gelbbindige Furchenbiene nicht besonders wählerisch. Wichtig ist nur, dass es keine Lücke in den Blühzeiten gibt, damit sie stets ausreichend Nektar- und Pollenmöglichkeiten anfliegen kann.
Was bedeuten die Daten für MIYA forest e.V.?
Die Ergebnisse zeigen, dass der Tiny Forest von MIYA forest e.V. in Eberswalde einen nachweislich positiven Einfluss auf die lokale Biodiversität ausübt. Mit der erhöhten Artenvielfalt werden die ökologische Funktionalität und Resilienz des Standorts gestärkt. Da mehr Arten verschiedene Rollen im Ökosystem übernehmen können, wird dieses stabilisiert. Die große Anzahl an gefährdeten Arten untermauern die Bedeutung der Tiny Forest Fläche, da sie seltenen Insekten passenden Lebensraum bietet. Daher kann der Tiny Forest im urbanen Raum durch seine strukturreichen, störungsarmen Umgebung einen Rückzugs- und Ergänzungsort für diese Arten darstellen.
Dank der Insector-Daten kann MIYA forest e.V. das weitere Vorgehen nun zielgenau planen und weiß, welche Maßnahmen ergriffen werden können.
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