Warum sind Biodiversität und Artenvielfalt so wichtig?

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In der Erdgeschichte kam es bisher fünfmal zum Armageddon-mäßigen Massenaussterben. Fünfmal wurde fast die gesamte Bandbreite an Lebewesen auf diesem Planeten ausgelöscht. Und fünfmal hat sich die Natur wieder durchgesetzt und neue Ökosysteme hervorgebracht. Heute befinden wir uns inmitten des sechsten Massenaussterbens. Doch das aktuelle Massensterben unterscheidet sich in einem Punkt von den vorherigen fünf: Dieses Mal sind es nicht Vulkanausbrüche oder Einschläge von Asteroiden, welche die Lebensgrundlage der Biosphäre bedroht. Dieses Mal ist es der Mensch.

Zum ersten Mal in der Erdgeschichte trägt eine einzige Spezies die Verantwortung für das große Artensterben. Der Homo sapiens besiedelt und bewirtschaftet immer mehr Land; der Homo sapiens verschmutzt immer mehr Gewässer, Luft und Böden; der Homo sapiens verschleppt invasive Arten, welche heimische Faunen dezimiert.

Wer „Artensterben“ hört, denkt vielleicht zuerst an Nashörner oder Bonobos in Afrika. Doch das Artensterben findet auch direkt vor unserer Haustür statt: Insekten, Fische, Eidechsen, Vögel und viele andere heimische Tiere sind längst vom Aussterben bedroht. Nach Schätzungen des World Wide Fund For Nature (WWF) sterben weltweit täglich 380 Pflanzen- und Tierarten aus.

Auch in Deutschland gibt es Artensterben

Doch warum sollte mich das überhaupt interessieren, wie viele Arten es auf diesem Planeten gibt? Wäre es nicht sogar gut, wenn wir keine Mücken, Wespen oder andere lästige Tiere mehr hätten? Die kurze Antwort: nein. Ohne eine hohe Biodiversität wäre unser gegenwärtiges Leben auf diesem Planeten undenkbar. Die Netzwerke des Lebens sind so verflochten, dass wir uns der Komplexität oftmals gar nicht bewusst sind. Jede Frucht, die aus dem Boden kommt, bedarf hundert Millionen Mikroorganismen.

Was ist Biodiversität? Definition und Erklärung

Die Konvention über biologische Vielfalt hat den Begriff Biodiversität folgendermaßen definiert: "[Biodiversity is the] variability among living organisms from all sources including, inter alia, terrestrial, marine and other aquatic ecosystems and the ecological complexes of which they are part: this includes diversity within species, between species and of ecosystems." Übersetzt bedeutet dies, dass Biodiversität alle Organismen umfasst, die in Ökosystemen auf Land oder Wasser leben. Biodiversität beschreibt die Vielfalt innerhalb einer Spezies; die Vielfalt zwischen verschiedenen Spezies und die Vielfalt von Ökosystemen.

Auf gut Deutsch: Wenn wir von Biodiversität reden, meinen wir die Vielfalt des Lebens auf unserem Planeten: von Lebensräumen bis hin zu Lebewesen. Dabei geht Biodiversität ins kleinste Detail und untersucht das Leben bis auf den genetischen Code – der DNA.

Zahlen, Fakten und aktueller Status der Biodiversität

Da Biodiversität so umfangreich ist, kann es schwierig sein, aussagekräftige Daten zu erheben – zumal wir nicht einmal alle Spezies auf unserem Planeten überhaupt kennen! Trotzdem sind sich Forschende in einem Aspekt einig: in der Zeit von 1970 bis 2007 ist die weltweite Artenvielfalt um 30 Prozent zurückgegangen. Besonders in den tropischen Regionen der Erde war ein massiver Rückgang der Biodiversität zu verzeichnen.

Forschende schätzen, dass die aktuelle Aussterberate bis zu 1000-mal höher ist als in den vergangenen 3,8 Milliarden Jahren. Fische, Vögel, Insekten, Säugetiere, Amphibien, Korallen sind alle betroffen von diesem Massensterben.

Gründe für das Artensterben

Es gibt viele Gründe für den Verlust der Biodiversität und Artenvielfalt. Wie Edward O. Wilson in seinem Buch "The Diversity of Life" schreibt, sind die Hauptgründe für das massive Aussterben die Zerstörung von Lebensraum, Umweltverschmutzung und die Einfuhr von invasiven Arten in bestehende Ökosysteme.

Nutria sind invasive Tiere
Nutrias sind eine invasive Art, die heimische Ökosysteme gefährden.

Eine Hauptursache ist der Verlust von Lebensraum. Besonders in Hotspots der Biodiversität, beispielsweise in Urwäldern, dringt der Mensch immer weiter in die Natur: Die Abholzung der Regenwälder ist ein prominentes Beispiel. Urwälder in tropischen Regionen weisen die höchste biologische Vielfalt auf unserem Planeten auf. Organismen, Insekten und andere Lebewesen haben sich über die Jahrtausende aufeinander abgestimmt und leben in perfekter Balance. Wenn der Homo sapiens den Urwald hektarweise abholzt, zerstört er binnen kürzester Zeit ganze Ökosysteme.

Die industrielle Landwirtschaft treibt das Artensterben voran

Auch bei uns in Deutschland treibt die industrielle Landwirtschaft das Artensterben voran. Der Einsatz von Pestiziden; die Nutzung von Monokulturen und die Überdüngung von ganzen Landstrichen schaden der Natur. Eine Vielzahl an Insekten, Fischen, Vögeln, Eidechsen und anderen heimischen Tieren sind deshalb vom Aussterben bedroht.

Warum ist der Erhalt der Biodiversität so wichtig? Bedeutung für Mensch und Planeten

Doch warum sollte es mich interessieren, dass die Hälfte der Spezies ausstirbt? Sind Klimakrise und Klimawandel nicht viel dringlicher als die Biodiversitätskrise? Nein, denn der Verlust an Biodiversität und Artenvielfalt hat Implikationen für unseren gesamten Planeten.

Der Verlust an biologischer Diversität würde Innovationen in vielen wissenschaftlichen Bereichen stoppen. Ob in der Medizin, Agrarwirtschaft, Pharmazie, Bauwirtschaft – fast überall benutzen wir Menschen Produkte aus der Natur. Immer wieder entdecken Forschende neue Stoffe in der Natur, die wir für innovative Produkte verwenden können: So verwenden wir die Rosafarbene Catharanthe, um Morbus Hodgkin oder Lymphatische Leukämie bei Kindern zu heilen. Die Rinde der Pazifischen Eibe enthält Inhaltsstoffe, die für die Behandlung von Gebärmutterhals- und Brustkrebs verwendet werden. Und den Speichel von Blutegeln verwenden wir als Blutdünner bei OPs. Die Liste ist sehr, sehr lang.

Die Medizin nutzt viele Pflanzen

Diverse Ökosysteme sorgen dafür, dass der Boden fruchtbar bleibt und wir Luft zum Atmen haben. Das komplexe Zusammenspiel zwischen Bakterien, Pilzen, Insekten und Pflanzen ermöglicht uns erst ein Leben auf diesem Planeten. Jedes Lebewesen übernimmt eine höchst spezialisierte Aufgabe, was das Leben (wie wir es heute kennen) erst ermöglicht. Bis der Mensch auf die Fläche trat, funktionierte dies so zuverlässig wie ein Schweizer Uhrwerk.

Wenn wir so weiter machen und den "tipping point" verpassen, wird es nicht lange dauern, bis die Erde für ihre derzeitigen Bewohner sehr ungemütlich wird. Diese werden nach und nach aussterben, bis sich schließlich neue Spezies entwickeln, die sich an die veränderten Lebensbedingungen besser anpassen können.

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