Wie will Bee friendly die Biodiversität retten?

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Wie retten wir die Natur? Nichts leichter als das! Beim „Science Slam Bioökonomie“ auf der BUGA23 sind wir dieser polemischen Frage auf den Grund gegangen. Im Folgenden findet ihr ein leicht abgewandeltes Transkript unseres Science Slams, das die wissenschaftliche Basis unserer Arbeit offenlegt.

Wie retten wir Natur, Bienen und Biodiversität? Aus unserer Sicht lässt sich diese Frage relativ einfach beantworten. Und das Beste an der Sache? Ihr braucht dafür keinen biologischen, entomologischen oder umweltwissenschaftlichen Bildungsabschluss. Ihr müsst dafür nichts über die fünf vergangenen Massensterben wissen oder, wie sich das heutige anthropogene Artensterben von den vergangenen Armageddons unterscheidet. Ihr müsst ebenfalls nicht wissen, wie sich mit Neonicotinoiden gebeiztes Saatgut auf die Nervenzellen von Honig- und Wildbienen auswirken. Und ihr müsst gar keine Ahnung darüber haben, wieso die oligolektische Geißklee-Sandbiene vom Aussterben bedroht ist und warum dies evolutionsbiologische Auswirkungen auf ganze Ökosysteme hat.

Denn bevor ich anfange, muss ich euch aus Transparenzgründen nämlich noch eine Sache gestehen: Obwohl ich hier auf der Bühne stehe und über Bienen, Biodiversität und Natur schwadroniere, bin ich weder Entomologe noch Umweltwissenschaftler und auch kein Biologe. Mein großes Outing heute lautet: Ich bin kein Naturwissenschaftler, sondern komme aus den Sozialwissenschaften.

Als Kultur- und Politikwissenschaftler habe ich die letzten Jahre damit verbracht, zu untersuchen, wieso soziale Bewegungen erstarken, zerfallen oder einfach vor sich her dümpeln. Wir haben Proteste und soziale Bewegungen weltweit untersucht und dabei ist uns aufgefallen, dass der eigentliche Missstand oftmals weniger Einfluss auf die Mobilisierung von Menschen hat als die Kommunikation eines Missstandes.

Gedankenexperiment: Welche Gefühle lösen diese Aussagen in dir aus?

Lasst uns hierzu ein kleines Gedankenexperiment ausprobieren, bevor ich so richtig loslege. Ich werde euch gleich zwei Aussagen vorlesen und ihr sollt euch daraufhin bewusst werden, welche Gefühle diese Aussagen in euch auslösen. Und damit meine ich nicht Gefühle im Sinne von pseudowissenschaftlichen Chakra-Gedöns, sondern messbare Emotionen wie Wut, Trauer, Freude, Angst, Verwunderung, Ekel oder Hoffnung.

Die erste Aussage lautet: Die Insektenzahl ist dramatisch gesunken: Mehr als 75 Prozent der Gesamtmasse an Insekten sind aus Deutschland verschwunden. Schuld ist hauptsächlich die intensivierte Landwirtschaft mit Ihrem Einsatz von Agrargiften und der Verarmung der Landschaft.

Wie fühlt ihr euch, wenn ihr diese Information verarbeitet? Bescheiden, oder? Also als ich diesen Satz zum ersten Mal las, habe ich mich erst mal für ein paar Stunden in Embryonalstellung unter die Dusche gelegt. Nach meiner initialen affektiven Reaktion kamen bei mir immer mehr Fragen auf: Wer bestäubt unsere Obst- und Gemüsepflanzen, wenn es keine Bienen mehr gibt? Wovon sollen sich Vögel, Eidechsen und Frösche ernähren, wenn es keine Fliegen mehr gibt? Und wie zum Teufel sollen wir das so weit fortgeschrittene Insektensterben aufhalten, wenn wir doch immer mehr Fläche versiegeln oder landwirtschaftliche Flächen benötigen, um alle sattzubekommen? Diese kognitive Verarbeitung wurde gespeist durch meine Angst, Wut und Resignation.

Aber kommen wir nun zur zweiten Aussage: Durch das Anlegen von mehrjährigen Blühstreifen in landwirtschaftlichen Flächen, konnte sich die Artenvielfalt von Schwebefliegen-, Hummeln- und Wildbienen um bis zu 20 Prozent erholen, verglichen mit Kontrollfeldern ohne Blühstreifen.

Was löst diese Aussage emotional in euch aus? Vielleicht ein bisschen weniger Wut? Auf jeden Fall weniger Angst, oder? Und statt Resignation macht sich – bei mir zumindest – Hoffnung breit, dass es noch nicht zu spät ist, die Bienen zu retten.

Obwohl diese beiden Aussagen eine ganz andere affektive Reaktion in uns auslösen, fällt uns bei näherer Betrachtung auf, dass sie inhaltlich gar nicht so weit auseinander liegen. In beiden Aussagen gibt es zwei Akteure: die Landwirtschaft und die Insekten. In beiden Aussagen beeinflussen landwirtschaftliche Aktivitäten die Überlebenschancen von Insekten. In beiden Aussagen ist die Population von Insekten kleiner als sie sein sollte. Und beide Aussagen sensibilisieren das Publikum für das sogenannte Insektensterben. Der große Unterschied der beiden Aussagen kann man in einem Wort zusammenfassen: Hoffnung.

Im Folgenden werde ich versuchen, die Frage zu beantworten, wie wir Bienen, Biodiversität und die Natur retten können. Das klingt zwar nach einer Goliath Aufgabe für einen 10-minütigen Science Slam, aber eigentlich ist die Antwort auf diese Frage aus politikwissenschaftlicher Sicht ziemlich simpel: Sensibilisierung + Stärkung der Selbstwirksamkeit = Mobilisierung für den Naturschutz. Im Folgenden werden wir die beiden Variablen etwas näher beleuchten und schließlich darauf eingehen, wie wir dieses sozialwissenschaftliche Geschwafel in der Praxis umsetzen können.

Wie retten wir die Natur: Sensibilisierung + Selbstwirksamkeit = Naturschutz

Wie ich eben schon gesagt habe, komme ich ursprünglich aus der Kultur- und Politikwissenschaft und habe mich bis zum Erbrechen mit der politischen Psychologie von sozialen Bewegungen beschäftigt. Obwohl das Thema sehr viel komplexer ist, werde ich mich heute auf zwei Prozesse beschränken: Sensibilisierung und Stärkung der Selbstwirksamkeit.

Beginnen wir mit der gesellschaftlichen Sensibilisierung. In diesem Prozessschritt werden Menschen darüber aufgeklärt, dass es bestimmte Missstände gibt und dass diese Missstände sie betreffen. Im Kontext des Naturschutzes bedeutet dies konkret, dass Menschen lernen sollen, dass Artenreichtum das Fundament von gesunden Ökosystemen ist und dass unser aller Leben auf funktionierende Ökosysteme angewiesen ist: Weniger Bienen führt zu weniger Bestäubung führt zu weniger Essen – zum Beispiel. Bei der Sensibilisierung sollen also erste Berührungspunkte mit Themen und Herausforderungen rund um den Naturschutz geschaffen werden. Ziel der Sensibilisierung ist also die Integration von Natur und Naturschutz in den Alltag von Bürger:innen. Nur wer ein Problem erkennt, kann etwas dagegen unternehmen.

Diese Sensibilisierung reicht allerdings nicht aus, denn Sensibilisierung ist eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung für die Mobilisierung: Nur weil man die Tragweite eines Problems erkennt, heißt das nicht, dass man auch dagegen etwas unternimmt. Das bloße Erkennen des Problems führt nicht automatisch dazu, dass plötzlich alle nur noch Lastenrad fahren und Beyond-Meat-Burger essen. Was fehlt, ist unsere zweite große Variable: die Selbstwirksamkeit. Denn wer eine Herausforderung als überwindbar wahrnimmt, ist eher dazu geneigt, etwas dagegen zu unternehmen.

In der Psychologie gilt die Selbstwirksamkeit als einer der wichtigsten Faktoren, die die Handlungsmotivation beeinflusst. Unter Selbstwirksamkeit verstehen wir das Vertrauen in uns selbst, eine Herausforderung erfolgreich meistern zu können. Natürlich wird unsere Selbstwirksamkeit von inneren Faktoren wie Persönlichkeit, Erfahrung und Selbstbewusstsein beeinflusst. Doch gerade im Kontext von sozialen Bewegungen spielen Aktivistinnen und Aktivisten eine mega wichtige Rolle. Neueste Studien zeigen, dass sich mehr Menschen einer sozialen Bewegung anschließen, wenn Aktivistinnen und Aktivisten einen hohen Grad an Hoffnung, Freude und Positivität kommunizieren.

Aus politikpsychologischer Sicht lässt sich dies gut erklären: Wenn Aktivist:innen hoffnungsvolle Botschaften kommunizieren, erhöht dies die Selbstwirksamkeit in Beobachtern. Und wer das Gefühl hat, noch etwas bewirken zu können, wird tendenziell eher aktiv, um gemeinsam eine Herausforderung anzugehen. Nun, wenn wir an die Kommunikation von Umwelt- oder Naturschutzthemen denken, ist Hoffnung leider nicht immer präsent. Viel zu oft überwiegt der Fatalismus, während selbstgerechte Expert:innen mit dem erhobenen Zeigefinger dastehen und die Menschen belehren, statt sie zu bekehren.

Bekehren statt belehren ist also die Devise – doch wie bekehrt man, ohne zu belehren? Unsere Antwort: Sensibilisierung + Stärkung der Selbstwirksamkeit durch interaktiven Naturschutz und hoffnungsvolle Kommunikation. Wir wollen zeigen, dass Naturschutz nicht mit Belehrung, Verbote oder sich-auf-die-Straße-kleben gleichzusetzen ist. Wir propagieren einen hoffnungsvollen Naturschutz, den wir in den Alltag von Bürgerinnen und Bürgern integrieren wollen.

Durch das Anlegen von Wildblumenwiesen oder das Basteln von Bienenhotels im Kindergarten können erste Berührungspunkte mit der Natur und der Biodiversität geschaffen werden. Durch die sogenannten „CleanUps“ mit Initiativen wie der Surfrider Foundation wird ein Bewusstsein für Müllproblematiken geschaffen, ganz ohne mit erhobenen Finger die Menschen zu belehren. Und durch das Aufstellen von selbstgebauten Wildbienen Nisthilfen an prominenten Orten, werden Themen wie das Insektensterben in das öffentliche Auge gerückt. So wird Naturschutz positiv in den Alltag integriert und somit die Gesellschaft sensibilisiert und gleichzeitig die Selbstwirksamkeit gestärkt, indem in gemeinsamen Aktionen etwas unternommen wird.

Naturschutz-Kommunikation muss alle Menschen abholen

Um es noch einmal zusammenzufassen: Wenn wir die Natur nachhaltig schützen wollen, müssen – erstens – mehr Menschen für Naturschutzthemen sensibilisiert werden und – zweitens – muss die Selbstwirksamkeit in dieser Gruppe gestärkt werden. Und das wichtigste Mittel, um dies zu tun, ist die Kommunikation.

Wir müssen kommunizieren, dass es ein Problem gibt, aber dass dieses Problem lösbar ist. Wir müssen kommunizieren, dass sich die Natur mit unserer Hilfe erholen kann. Wir müssen kommunizieren, dass es Naturschutzmaßnahmen gibt, deren Erfolge schon heute messbar sind. Und wir müssen kommunizieren, dass jeder in irgendeiner Form einen Beitrag leisten kann und dass man viele kleine Schritte gehen muss, um ein großes Ziel zu erreichen.

Naturschutz geht uns alle was an. Deshalb müssen wir mit unserer Kommunikation auch alle abholen und zum Handeln motivieren.

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